Roter Faden und liturgischer Geist.
Ein Interview mit Sebastian Reim, dem neuen Leiter des Leipziger Vocalensembles
Sebastian Reim ist seit Anfang 2018 neuer Leiter des Leipziger Vocalensembles (LVE). Der gebürtige Leipziger ist hauptberuflich Mitglied des MDR Rundfunkchores und tritt deutschlandweit auch als Tenorsolist auf. Er war Mitglied des Dresdner Kreuzchores, Leiter der Hallenser Madrigalisten und ist darüber hinaus als Chorleiter und Cembalist/Organist tätig. Im Interview spricht er über seine künstlerischen Pläne mit dem LVE und die musikalischen Höhepunkte des Jahres 2018.

Vor einigen Wochen hast Du die Leitung des Leipziger Vocalensembles übernommen und mit der Probenarbeit begonnen. Welchen Eindruck hast Du vom Chor erhalten?

Sebastian Reim: Die Sängerinnen und Sänger haben mir einen sehr freundlichen Empfang bereitet. In den bisherigen Proben habe ich das LVE als ein hochmotiviertes Ensemble kennengelernt, das einen großen Willen zum Arbeiten zeigt und dankbar für Strenge ist. Das LVE ist ein semiprofessioneller Chor, der sich zwischen Profi- und Laienchören bewegt und dessen Mitglieder oft über einen sehr engen Bezug zur Musik verfügen. Auf dieser interessanten Mischung kann man sehr gut aufbauen.

Welche künstlerischen Ziele möchtest Du mit dem Leipziger Vocalsensemble verwirklichen?

Mein Ziel ist es, der Programmatik des Chores noch mehr eine klare Richtung zu geben. Die regelmäßigen Auftritte in der Thomaskirche möchte ich mit einem liturgischen Geist und einem roten Faden versehen. Von zentraler Bedeutung ist natürlich weiterhin die Aufführung der Werke Johann Sebastian Bachs. Darüber hinaus möchte ich auch die stilistische Vielfalt des Chores erhöhen. Spannend finde ich zum Beispiel die französische Musik oder die Musik des 17. Jahrhunderts. Die Aufführung von Standardwerken ist sicherlich richtig und wichtig. Ich glaube aber auch, dass man das Publikum bis zu einem gewissen Grad erziehen kann. Es ist die Aufgabe des LVE, diese Schwierigkeiten zu überwinden und dem Publikum ein Angebot mit selteneren Stücken zu machen. Der Wille im Chor für eine solche Programmatik ist auf jeden Fall da.

Dein erstes Konzert an der Spitze des Leipziger Vocalensembles wird die Aufführung der Johannespassion am 24. März in der Thomaskirche sein. Was ist für Dich das Besondere an diesem Werk?

Die Johannespassion ist eines der ergreifendsten Musikstücke, die ich kenne. Sie begleitet mich schon sehr lange auf meinem Weg: Zunächst als Knabe im Dresdner Kreuzchor, später als Continuo-Spieler oder zuletzt in der Partie des Evangelisten und nun in der Thomaskirche als musikalischer Leiter. Die kommende Aufführung gewissermaßen in Anwesenheit des Komponisten ist für mich ein großes Geschenk. Wir werden die Zusammenarbeit mit dem Leipziger Barockorchester wieder aufgreifen und die Aufführungspraxis des 18.Jahrhunderts als Ausgangspunkt setzen. Wichtig ist mir, dass wir die Inhalte des Werkes den heutigen Zuhörern lebendig vermitteln. Man muss bei jeder Aufführung das Stück neu entdecken, dann wird es gut. Die Johannespassion bleibt für mich eine unerschöpfliche Entdeckungsreise.

Welche musikalischen Höhepunkte erwarten die Hörer des Leipziger Vocalensembles in diesem Jahr noch?

Zunächst freue ich mich auf die Vesper in der Dresdner Kreuzkirche am 13. April, in der wir noch einmal die „Botschaften Jesajas“ von Alt-Thomaskantor Georg Christoph Biller aufführen werden. Am 16. Juni gestalten wir eine Motette im Rahmen des Leipziger Bachfestes und greifen dabei auch das Festival-Motto „Zyklen“ auf: Neben Stücken aus Heinrich Schütz` Sammlung „Geistliche Chormusik“ von 1648 werden wir zwei Stücke aus einem selten zu hörenden Motetten-Zyklus des dänischen Komponisten Carl Nielsen aufführen. Ich bin gespannt auf diese Farbvielfalt.

Ein besonderes Projekt erwartet das Konzertpublikum im Herbst: Ich möchte mit dem LVE das Stück Liturgie Nr. 2 „Den Kindern, getötet in Kriegen“ des zeitgenössischen Komponisten Mikis Theodorakis aufführen. Dieses politisch und musikalisch tiefgehende Werk behandelt ein Thema, das mich sehr beschäftigt, und ist gerade in der aktuellen Zeit der Kriegsgefahr von großer Relevanz. Darüber hinaus hat Theodorakis` Stück für mich auch eine persönliche Bedeutung, denn ich durfte 1983 als Mitglied des Dresdner Kreuzchores bei der Uraufführung mitwirken. Wir werden das Werk zusammen mit dem Requiem op. 9 von Maurice Duruflé am 17. November in der Thomaskirche und am 21. November, dem Buß- und Bettag, in der Schlosskirche Chemnitz aufführen.

 

Tönender Panzer um die Seele
Motette: Biller-Uraufführung in der Thomaskirche

2014, Thomaskantor Georg Christoph Biller war wieder in der Klinik, erhielt er einen Brief von einem seiner Thomaner. Mit den Worten Jesajas sprach der, Ex-Thomaspfarrer Christian Wolff führt es aus in seiner Predigt zur Mottete am Samstagnachmittag, seinem Chorleiter Mut zu: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ Dieser Brief war die Initialzündung für Billers 2017 entstandene „Botschaften Jesajas“ für vier bis sechsstimmigen gemischten Chor und Bassinstrument.

Das ist bei der Uraufführung im Herzen der Motette Thomas Reinhardts Fagott. Es singt das 1976 vom späteren Thomaskantor Biller gegründete Leipziger Vocalensemble. Er selbst steht auf der Empore seiner Thomaskirche am Pult – als Thomaskantor a. D.. Denn die Krankheit, die ihn 2014 in die Klinik gebracht hatte, zwang ihn 2015 zur Aufgabe des hohen Amtes, das er von 1993 bis 2015 bekleidet hatte. Nun dirigiert er also da oben sein Werk, das in sieben knappen Sätzen handelt von „Jesajas Warnung“, „Jesajas Wehrufen“, „Jesajas Hoffnung“ und „Jesajas Zuversicht“. Und schließt man dies kurz mit dem persönlichen Schicksal Georg Christoph Billers, droht die emotionale Brisanz dieser Aufführung beinahe erdrückend zu werden.

Dass sie es nicht wird, liegt an der Tonsprache Billers. Beinahe trotzig bemüht sie im Dienste des in die Zukunft gerichteten Optimismus der Bibelworte die Vergangenheit, genügt sich in mit Dissonanzen gewürzter freier Tonalität und meist schlichtem homophonem Satz mit der Funktion der Dienerin am Text, wirkt fast spröde im Bemühen, tonsetzerische Objektivität zu wahren. Anspruchsvoll ist dieser Tonsatz in seiner harmonischen Herbheit und dem bemerkenswerten Tonumfang vor allem für die Soprane. Doch das Leipziger Vocalensemble bleibt dem tönenden Panzer um die Seele seines Gründers nichts schuldig. Auch nicht in Billers 1979 komponiertem und 2017 überarbeitetem Psalm „Herr, auf dich traue ich“ für Alt-Solo und vierstimmigen Chor a cappella, der inhaltlich in die gleiche Richtung zielt und mit dem inhaltlich gestaltenden Alt Susanne Krumbiegels sowie den „Christe, du Lamm Gottes“-Evokationen des Chors verbindlicher klingt, wärmer – aber auch etwas harmloser.

Ans Ende der Motette stellt Biller Bachs tönende Bewerbung ums Amt des Thomaskantors, das er selbst so lange ausfüllte: die Kantate BWV 22 „Jesus nahm zu sich die Zwölfe“. Sehr ruhig geht er die an, gravitätisch an der Grenze der Zumutung für seine Sänger, die sich nach Kräften und nicht ohne Erfolg bemühen, die Spannung zu halten. Schön: Die Arien Krumbiegels und vom Amarcord-Tenor Robert Pohlers sowie die obligaten Soli aus den Reihen des Mitteldeutschen Kammerorchesters – Peter Heinze an der Oboe und von Konzertmeister Andreas Hartmann.

Die Höhepunkte des Nachmittags stehen dennoch an seinem Anfang: Brahms’ g-moll-Präludium, zupackend und angemessen pathetisch gespielt von Stefan Kießling und seine vom Leipziger Vocalensemble unter Biller wunderbar gesungene fünfstimmige Motette „Schaffe in mir, Gott, ein rein Herz“.

 

Leipziger Vocalensemble bringt Motette „Botschaften Jesajas“ von Alt-Thomaskantor Georg Christoph Biller am kommenden Samstag zur Uraufführung
 
Das Leipziger Vocalensemble wird am kommenden Samstag, 10.2.2018, die Uraufführung der Motette „Botschaften Jesajas“ von Alt-Thomaskantor Georg Christoph Biller gestalten. Die Komposition für Chor und Bass-Instrument erklingt unter der Leitung des Komponisten im Rahmen der Samstagmotette in der Leipziger Thomaskirche. In dem ca. 10minütigen Werk, das auf Texten des Propheten Jesaja aus dem Alten Testament beruht, setzt sich Biller mit persönlichen Schicksalsschlägen, aber auch aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander. Neben Texten über das Vertrauen auf Gott wie „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir“ findet sich im Stück auch die mahnende Passage „Freue dich nicht ganz Philisterland, dass der Stock, der dich schlug, zerbrochen ist“, in der Biller den Zeitgeist kritisch reflektiert. Passend dazu hat der Komponist in den „Botschaften Jesajas“ auch zahlreiche Zitate anderer Kompositionen versteckt, darunter Bachs Kunst der Fuge oder die DDR-Nationalhymne. Das Leipziger Vocalensemble wird die „Botschaften Jesajas“ auch auf CD für das Label Rondeau einspielen.
Neben der Uraufführung der „Botschaften Jesajas“ erklingen in der Motette am 10.2. Kompositionen von Johannes Brahms und Heinrich Schütz sowie die Kantate „Jesus nahm zu sich die Zwölfe“ (BWV 22) von Johann Sebastian Bach. Eine weitere Gelegenheit, die „Botschaften Jesajas“ zu hören, bietet sich außerdem im Gottesdienst am Sonntag, 11.2.2018, 9.30 Uhr, in der Leipziger Thomaskirche, der ebenfalls vom Leipziger Vocalensemble musikalisch gestaltet wird.
Das Leipziger Vocalensemble hat zu Georg Christoph Biller, der von 1992 bis 2015 Thomaskantor war, eine langjährige und enge Verbindung. Zusammen mit weiteren ehemaligen Thomanern hatte Biller den Chor unter dem Namen „Leipziger Vocalkreis“ im Jahr 1976 gegründet und mehr als zwei Jahrzehnte lang als Chorleiter geprägt.

Informationen für Journalisten:
Leipziger Vocalensemble e.V.
Daniel Pommer
0179-2 93 54 52
pommer@leipziger-vocalensemble.de
www.vocalensemble.org

 

Sebastian Reim wird neuer Chorleiter des Leipziger Vocalensembles //
Musikalischer Gottesdienst zum Buß- und Bettag in der Thomaskirche mit Thomaskantor a. D. Georg Christoph Biller
 
Die Mitglieder-versammlung des Chores, der im vergangenen Jahr sein 40-jähriges Bestehen feierte, wählte den Sänger und Dirigenten in seiner vergangenen Mitgliederversammlung im Oktober 2017 mit großer Mehrheit. Der gebürtige Leipziger Sebastian Reim ist Mitglied des MDR Rundfunkchores und tritt deutschlandweit auch als Tenorsolist auf. Er war Mitglied des Dresdner Kreuzchores, Leiter der Hallenser Madrigalisten und ist darüber hinaus als Chorleiter und Cembalist/Organist tätig. Sebastian Reim wird die Leitung des Leipziger Vocalensembles zu Beginn des Jahres 2018 übernehmen.
Sebastian Reim setzte sich im Auswahlverfahren gegenüber mehreren namhaften Kandidaten durch und überzeugte die Mitglieder des Chores durch Probenarbeit und einer am 29. September 2017 gemeinsam gestalteten Motette in der Leipziger Thomaskirche. Die Chorleiterstelle musste im Mai dieses Jahres neu ausgeschrieben werden, weil der bisherige Leiter Ulrich Kaiser Leipzig verlassen und das Amt als Kirchenmusikdirektor an der Kirche Unser Lieben Frauen in Bremen antreten wird.
Vor dem Amtsantritt des neuen Chorleiters Sebastian Reim freut sich das Leipziger Vocalensemble auf ein weiteres Highlight: Am Mittwoch, 22. November 2017, wird der Chor den Gottesdienst zum Buß- und Bettag in der Thomaskirche musikalisch gestalten. Die Leitung übernimmt dabei der ehemalige Thomaskantor Georg Christoph Biller, der das Leipziger Vocalensemble 1976 gegründet hatte. Es erklingen Werke von Johannes Brahms, Max Reger und von Georg Christoph Biller (Mittwoch, 22. November 2017, 9.30 Uhr, Thomaskirche zu Leipzig).

Informationen für Journalisten:
Leipziger Vocalensemble e.V.
Daniel Pommer
0179-2 93 54 52
daniel.pommer@o2online.de
www.vocalensemble.org